Koolumne „Lächeln erlaubt“
Trendletter Nachtleben Berlin
Liebe Freunde der geschmacklichen Verwirrung. Diese Kolumne beschäftigt sich
traditionell mit nichts, da liegt das Thema Mode natürlich nah. Es haben sich
inzwischen einige Style-Trends angestaut, die dringend verbal verarbeitet werden
müssen, schon zum Schutz nachfolgender Generationen. Beginnen möchte ich mit dem
wertfreien Hinweis, dass es in manchen, fortschrittlichen Ländern auch den
Straftatbestand „visuelle Umweltverschmutzung“ gibt.
+++ Vintage +++
Gut, im Jahr 2005 einen Mode-Trendletter mit dem Begriff Vintage zu
beginnen, ist mindestens mutig, wenn nicht sogar leichtsinnig. Aber da gibt es
etwas, das ist über Vintage bisher nicht ausreichend stark betont worden:
Vintage ist hässlich.
+++ Sonnenbrillen nachts +++
Viele finden Sonnenbrillen nachts zu tragen albern, spätpubertär und
overdone. Ein Grund mehr, sie zu tragen, wer will schon so sein wie „viele“? Ein
anderer Grund ist, dass man sich damit eine natürliche, optische Distanz zur
Welt aufbaut und wer diesen Trendletter aufmerksam liest, wird einen Einblick
bekommen, wie wichtig das sein kann – gerade nachts.
+++ Arschgeweih +++
Es gibt gute Gründe, sich jung tätowieren zu lassen, schon weil Tattoos auf
faltiger Haut natürlich doof aussehen. Das Arschgeweih aber ist durch, Ihr könnt
das Henna also wieder wegrubbeln. Wie, das ist echt? Dann beantrage ich die
Umbenennung der sog. Arschkarte in Arschgeweih. So leid es mit tut, Ihr habt die
totale Steisstätowierung.
+++ Vintage +++
Vintage nochmal, es ist mir ja selbst unangenehm. Man muss aber neidvoll
anerkennen, das damit der Beweis erbracht ist: ein englischer Name, dessen
genaue Bedeutung keine Sau kennt, reicht, um noch den beklopptesten
Materialfehler als cool zu verkaufen. Marketing ist der neue goldene Gott.
+++ Schwarz +++
Schwarz kommt wieder, schwarz ist wieder wer, man sieht wieder viel schwarz.
Schwarz ist das neue Schwarz, schwarz ist die Modefarbe des Sommers. Tragt
schwarz, meinetwegen auch in der preiswerten Variante Schwartz IV, und wenn Euch
das zu eintönig wird, dann lockert die dunkelschwarze Hose etwas mit dem
hellschwarzen Hemd auf. Vorsicht: an trüben Tagen und in dunklen Ecken nicht auf
anthrazit reinfallen!
+++ Schnurrbart +++
Der Frühling steht im Zeichen der prägnanten Gesichtsbehaarung, ganz klar.
Die Renaissance des Schnurrbarts steht unmittelbar bevor, Schnauzer ist nicht
mehr nur ein Hund, sondern auch ein Statement. Und zwar: „Ich rasiere mich
nicht, wo ich will“. Kein Wunder, dass diese latent devote Note attraktiv auf
Frauen und auch andere Männer wirkt, die alle heimlich denken „mal ein paar Tage
nicht rasieren, das wär’s doch“. Um einem der grossen der Zunft, Freund
Reynolds, die Ehre zu erweisen, möchte ich, dass in Hinkunft der Schnurrbart „Schnurrburt“
genannt wird.
+++ umgekrempelte Hosenbeine +++
Umgekrempelte Hosenbeine sagen unterschwellig „meine Beine sind zu kurz für
Standardhosen“. Das ist nicht besonders sexy, aber ehrlich und Ehrlichkeit ist
der neue Trumpf in der Mode. Es gibt auch die Fake-Variante Scheinehrlichkeit.
Das ist, wenn man eine extralange Hose kauft, und sie dann umkrempelt, um
modisch ehrlich zu wirken. Da beide Trends etwa gleich gross sind und man sie
von aussen nicht unterscheiden kann, sagen sie exakt nichts aus und erfüllen
damit die Hauptbedingung für eine erfolgreiche Stilrichtung in der Modewelt.
+++ Neue Ranzigkeit +++
Während das Punk-Revival von Anfang der Nuller Jahre auf den Ärschen derer
verhallt, die diese erbärmlichen, göttingenartigen „punk royal“-Hosen tragen,
schiesst schon ein anderer Trend aus dem gleichen Mülleimer der Geschichte auf
die Strasse. Wo er übrigens immer war, denn es handelt sich um die Neue
Ranzigkeit, die die Oberschicht-Kids im Sturm erobert. Das Motto: „arm aussehen,
reich sein“. Und das Tollste: mit einem einzigen, solide angelegten Einkauf bei
Prada kann man in just one step auf den Folgetrend aufspringen: „reich aussehen,
arm sein“.
Sascha Lobo