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Sascha Lobo | Mai 05

Koolumne „Lächeln erlaubt“

Trendletter Nachtleben Berlin
Liebe Freunde der geschmacklichen Verwirrung. Diese Kolumne beschäftigt sich traditionell mit nichts, da liegt das Thema Mode natürlich nah. Es haben sich inzwischen einige Style-Trends angestaut, die dringend verbal verarbeitet werden müssen, schon zum Schutz nachfolgender Generationen. Beginnen möchte ich mit dem wertfreien Hinweis, dass es in manchen, fortschrittlichen Ländern auch den Straftatbestand „visuelle Umweltverschmutzung“ gibt.

+++ Vintage +++
Gut, im Jahr 2005 einen Mode-Trendletter mit dem Begriff Vintage zu beginnen, ist mindestens mutig, wenn nicht sogar leichtsinnig. Aber da gibt es etwas, das ist über Vintage bisher nicht ausreichend stark betont worden: Vintage ist hässlich.

+++ Sonnenbrillen nachts +++
Viele finden Sonnenbrillen nachts zu tragen albern, spätpubertär und overdone. Ein Grund mehr, sie zu tragen, wer will schon so sein wie „viele“? Ein anderer Grund ist, dass man sich damit eine natürliche, optische Distanz zur Welt aufbaut und wer diesen Trendletter aufmerksam liest, wird einen Einblick bekommen, wie wichtig das sein kann – gerade nachts.

+++ Arschgeweih +++
Es gibt gute Gründe, sich jung tätowieren zu lassen, schon weil Tattoos auf faltiger Haut natürlich doof aussehen. Das Arschgeweih aber ist durch, Ihr könnt das Henna also wieder wegrubbeln. Wie, das ist echt? Dann beantrage ich die Umbenennung der sog. Arschkarte in Arschgeweih. So leid es mit tut, Ihr habt die totale Steisstätowierung.

+++ Vintage +++
Vintage nochmal, es ist mir ja selbst unangenehm. Man muss aber neidvoll anerkennen, das damit der Beweis erbracht ist: ein englischer Name, dessen genaue Bedeutung keine Sau kennt, reicht, um noch den beklopptesten Materialfehler als cool zu verkaufen. Marketing ist der neue goldene Gott.

+++ Schwarz +++
Schwarz kommt wieder, schwarz ist wieder wer, man sieht wieder viel schwarz. Schwarz ist das neue Schwarz, schwarz ist die Modefarbe des Sommers. Tragt schwarz, meinetwegen auch in der preiswerten Variante Schwartz IV, und wenn Euch das zu eintönig wird, dann lockert die dunkelschwarze Hose etwas mit dem hellschwarzen Hemd auf. Vorsicht: an trüben Tagen und in dunklen Ecken nicht auf anthrazit reinfallen!

+++ Schnurrbart +++
Der Frühling steht im Zeichen der prägnanten Gesichtsbehaarung, ganz klar. Die Renaissance des Schnurrbarts steht unmittelbar bevor, Schnauzer ist nicht mehr nur ein Hund, sondern auch ein Statement. Und zwar: „Ich rasiere mich nicht, wo ich will“. Kein Wunder, dass diese latent devote Note attraktiv auf Frauen und auch andere Männer wirkt, die alle heimlich denken „mal ein paar Tage nicht rasieren, das wär’s doch“. Um einem der grossen der Zunft, Freund Reynolds, die Ehre zu erweisen, möchte ich, dass in Hinkunft der Schnurrbart „Schnurrburt“ genannt wird.

+++ umgekrempelte Hosenbeine +++
Umgekrempelte Hosenbeine sagen unterschwellig „meine Beine sind zu kurz für Standardhosen“. Das ist nicht besonders sexy, aber ehrlich und Ehrlichkeit ist der neue Trumpf in der Mode. Es gibt auch die Fake-Variante Scheinehrlichkeit. Das ist, wenn man eine extralange Hose kauft, und sie dann umkrempelt, um modisch ehrlich zu wirken. Da beide Trends etwa gleich gross sind und man sie von aussen nicht unterscheiden kann, sagen sie exakt nichts aus und erfüllen damit die Hauptbedingung für eine erfolgreiche Stilrichtung in der Modewelt.

+++ Neue Ranzigkeit +++
Während das Punk-Revival von Anfang der Nuller Jahre auf den Ärschen derer verhallt, die diese erbärmlichen, göttingenartigen „punk royal“-Hosen tragen, schiesst schon ein anderer Trend aus dem gleichen Mülleimer der Geschichte auf die Strasse. Wo er übrigens immer war, denn es handelt sich um die Neue Ranzigkeit, die die Oberschicht-Kids im Sturm erobert. Das Motto: „arm aussehen, reich sein“. Und das Tollste: mit einem einzigen, solide angelegten Einkauf bei Prada kann man in just one step auf den Folgetrend aufspringen: „reich aussehen, arm sein“.

Sascha Lobo


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