Koolumne „Lächeln erlaubt“
Trendletter Nachtleben Berlin
Liebe Freunde der Nachtmusik, das Über-Thema des heutigen Trendletters ist
„Sinn und Leben“, aber ich greife vor, lest selbst weiter unten, wo sich Sinn
und Leben verstecken oder eben nicht: nämlich in Kleid über Hose, in Tight
Tanzen, in Buttons, in Gelben Plastikarmbändern und in Schals.
+++Kleid über Hose+++
Es gibt einige ganz grundsätzliche Unterschiede zwischen Mädchen und Jungs. Zum
einen haben Mädchen eine Muschi zwischen den Beinen und Jungs nicht. Das wird ja
sonst immer genau andersrum (also pimmelzentriert) ausgedrückt, und dagegen
wollte ich mal protestieren. Neben diesem Unterschied, der ausserhalb der
Fortpflanzung sonst nur für die Existenz von Stehpissoirs verantwortlich ist,
bestehen aber auch einige wirklich relevante Unterschiede. Mädchen können zum
Beispiel viel mehr und viel mutigere Klamotten anziehen, das kann man auf jeder
Pariser Modenschau sehen. Was aber auch Mädchen nicht können, oder leider eben
doch können, aber nicht können sollten, ist, Kleider über Hosen zu ziehen. Das
sieht so aus, als wäre am Flughafen der Koffer zu schwer gewesen und da hat man
halt alle Klamotten angezogen. Und wer will den Eindruck erwecken, als hätte er
kein Geld für Übergepäck? Hose über Kleid, das geht dagegen schon. Aber das
traut sich wieder keine. Toll.
+++Tight tanzen+++
Tanzen war ja schon immer in Mode und wird es auch immer bleiben, weil Tanzen
Sex mit Kleidern ist. Noch superer als Tanzen ist nun Tight Tanzen und das kann
man auf zwei Arten. Zum einen heisst tight auf englisch eng und Engtanz kommt
wieder in Mode. Zum anderen kann man aber auch zu Tight tanzen, denn Tight ist
ein Dings-Team. Dings muss ich jetzt erklären, Tight besteht nämlich aus einem
DJ und einem VJ. Wenn man es sich überlegt, ist es eigentlich total klug, dass
DJ und VJ ein Team sind, bei einem Musik-Video schaut man ja auch nicht das Bild
von MTV und den Ton von VIVA. Oder halt, ein schlechter Vergleicht, VIVA schaut
man ja überhaupt nicht, und MTV eigentlich auch nicht, man schaut überhaupt
nicht mehr fern, verdammt, sondern man geht auf gute Feiern mit guter Musik und
guten Visuals. Auf die Feier mit Tight zum Beispiel, denn die machen guten Musik
und gute Visuals, falls ich das noch nicht erwähnt habe.
+++Buttons+++
Ein Trendletter muss nicht immer aktuell sein, wenn es die Leser nur nicht
bemerken. Insofern bin ich mir keinesfalls zu schade, hier den Punkt „Buttons“
reinzumogeln, obwohl Buttons natürlich längst wieder dramatisch out sind. Sie
waren aber im Frühsommer 2004 kurz ziemlich cool, weil sie damals auf den
sogenannten „Buttonherbst“ im Oktober 1994 verwiesen, der seinerseits das dritte
Quartal 1985 („Buttonmania“) zitierte, von dem viele glauben, dass damals der
Button aufkam, jedenfalls diejenigen, die die Grosse Buttonwelle Frühjahr 1978
nicht kennen, die sich wiederum auf den „Londoner Button-Alarm“ von 1971 bezog,
welche gespeist wurde durch die Bewegung „Buttons – an attitude for life“ aus
Brighton, die 1967 über sechs Wochen Aufsehen erregte, bis bekannt wurde, dass
sie ihrerseits eine Kopie des ´58er BBM („Big Button Movement“) war. Letztlich
taugt der Button an sich gut dafür, politische, popintellektuelle,
existenzialistische, punktheoretische oder weiss Gott für welche Botschaften so
irre kleingedruckt zu transportieren, dass Interessenten und Interessentinnen
sich bis auf Knutschweite zu einem herüberbeugen müssen.
+++Gelbe Plastikarmbänder+++
In diesem Trendletter gehört auch immer das Rätselhafte, das Mysteriöse, das
Bizarre, das Verruchte, das Schillernde. Nichts davon trifft auf die
hochnotalbernen gelben Plastikarmbänder zu, die jetzt alle tragen. Ich erwähne
sie trotzdem, um vor ihnen zu warnen, denn auch das Bekloppte, das Wurstige, das
Kackdacklige soll in diesem Trendletter seinen Platz haben. Neulich fragte ich
einen Träger, was das bedeuten soll, die Antwort war so unwahrscheinlich
dämlich, dass ich sie sofort vergessen habe. Es bleiben daher nur die zwei
Möglichkeiten für Massenarmbänder: entweder es ist ein Gesundheitsquark und ins
Armband sind XYZ-Enzyme eingelassen, die zeitlich verzögert freigesetzt werden
und den Träger reich und sexy machen. Klug jedenfalls nicht.
Oder aber man bekommt das Armband, wenn man einen lächerlich geringen Betrag für
irgendwas gespendet hat. Früher hiess das „Tue Gutes und rede drüber“, heute
wird sogar der Redner dafür eingespart, auch das ist also durch ein simples
Armband automatisiert worden: na dann Gute Nacht, Jobmarkt Deutschland!
+++Schal+++
Ich habe lange überlegt, ob ich als Anfangsgag den Kracher vom Sommer 84 bringe
und schreibe, dass man sein Bier jetzt schal trinkt. Habe mich dann dagegen
entschlossen, weil das viel zu platt ist und beginne den Beitrag ganz harmlos
mit der Äusserung: man trägt wieder Schal. Ein Schal ist immer auch ein
Statement, derzeit etwa „Wo bleibt der verfickte Sommer?“. Ausserdem zeigt der
Schalträger von heute Traditionsbewusstsein, denn der Schal ist ein
althergebrachtes, würdereiches Kleidungsstück, wie auch das Sprichwort „ihm
sitzt der Schal im Nacken“ und die beliebte Sendung „Drei Engel für Schaly“
zeigen. Schalom!
Sascha Lobo