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Sascha Lobo | Juni 05

Koolumne „Lächeln erlaubt“

Trendletter Nachtleben Berlin

Liebe Freunde der Nachtmusik, das Über-Thema des heutigen Trendletters ist „Sinn und Leben“, aber ich greife vor, lest selbst weiter unten, wo sich Sinn und Leben verstecken oder eben nicht: nämlich in Kleid über Hose, in Tight Tanzen, in Buttons, in Gelben Plastikarmbändern und in Schals.

+++Kleid über Hose+++
Es gibt einige ganz grundsätzliche Unterschiede zwischen Mädchen und Jungs. Zum einen haben Mädchen eine Muschi zwischen den Beinen und Jungs nicht. Das wird ja sonst immer genau andersrum (also pimmelzentriert) ausgedrückt, und dagegen wollte ich mal protestieren. Neben diesem Unterschied, der ausserhalb der Fortpflanzung sonst nur für die Existenz von Stehpissoirs verantwortlich ist, bestehen aber auch einige wirklich relevante Unterschiede. Mädchen können zum Beispiel viel mehr und viel mutigere Klamotten anziehen, das kann man auf jeder Pariser Modenschau sehen. Was aber auch Mädchen nicht können, oder leider eben doch können, aber nicht können sollten, ist, Kleider über Hosen zu ziehen. Das sieht so aus, als wäre am Flughafen der Koffer zu schwer gewesen und da hat man halt alle Klamotten angezogen. Und wer will den Eindruck erwecken, als hätte er kein Geld für Übergepäck? Hose über Kleid, das geht dagegen schon. Aber das traut sich wieder keine. Toll.

+++Tight tanzen+++
Tanzen war ja schon immer in Mode und wird es auch immer bleiben, weil Tanzen Sex mit Kleidern ist. Noch superer als Tanzen ist nun Tight Tanzen und das kann man auf zwei Arten. Zum einen heisst tight auf englisch eng und Engtanz kommt wieder in Mode. Zum anderen kann man aber auch zu Tight tanzen, denn Tight ist ein Dings-Team. Dings muss ich jetzt erklären, Tight besteht nämlich aus einem DJ und einem VJ. Wenn man es sich überlegt, ist es eigentlich total klug, dass DJ und VJ ein Team sind, bei einem Musik-Video schaut man ja auch nicht das Bild von MTV und den Ton von VIVA. Oder halt, ein schlechter Vergleicht, VIVA schaut man ja überhaupt nicht, und MTV eigentlich auch nicht, man schaut überhaupt nicht mehr fern, verdammt, sondern man geht auf gute Feiern mit guter Musik und guten Visuals. Auf die Feier mit Tight zum Beispiel, denn die machen guten Musik und gute Visuals, falls ich das noch nicht erwähnt habe.

+++Buttons+++
Ein Trendletter muss nicht immer aktuell sein, wenn es die Leser nur nicht bemerken. Insofern bin ich mir keinesfalls zu schade, hier den Punkt „Buttons“ reinzumogeln, obwohl Buttons natürlich längst wieder dramatisch out sind. Sie waren aber im Frühsommer 2004 kurz ziemlich cool, weil sie damals auf den sogenannten „Buttonherbst“ im Oktober 1994 verwiesen, der seinerseits das dritte Quartal 1985 („Buttonmania“) zitierte, von dem viele glauben, dass damals der Button aufkam, jedenfalls diejenigen, die die Grosse Buttonwelle Frühjahr 1978 nicht kennen, die sich wiederum auf den „Londoner Button-Alarm“ von 1971 bezog, welche gespeist wurde durch die Bewegung „Buttons – an attitude for life“ aus Brighton, die 1967 über sechs Wochen Aufsehen erregte, bis bekannt wurde, dass sie ihrerseits eine Kopie des ´58er BBM („Big Button Movement“) war. Letztlich taugt der Button an sich gut dafür, politische, popintellektuelle, existenzialistische, punktheoretische oder weiss Gott für welche Botschaften so irre kleingedruckt zu transportieren, dass Interessenten und Interessentinnen sich bis auf Knutschweite zu einem herüberbeugen müssen.

+++Gelbe Plastikarmbänder+++
In diesem Trendletter gehört auch immer das Rätselhafte, das Mysteriöse, das Bizarre, das Verruchte, das Schillernde. Nichts davon trifft auf die hochnotalbernen gelben Plastikarmbänder zu, die jetzt alle tragen. Ich erwähne sie trotzdem, um vor ihnen zu warnen, denn auch das Bekloppte, das Wurstige, das Kackdacklige soll in diesem Trendletter seinen Platz haben. Neulich fragte ich einen Träger, was das bedeuten soll, die Antwort war so unwahrscheinlich dämlich, dass ich sie sofort vergessen habe. Es bleiben daher nur die zwei Möglichkeiten für Massenarmbänder: entweder es ist ein Gesundheitsquark und ins Armband sind XYZ-Enzyme eingelassen, die zeitlich verzögert freigesetzt werden und den Träger reich und sexy machen. Klug jedenfalls nicht.
Oder aber man bekommt das Armband, wenn man einen lächerlich geringen Betrag für irgendwas gespendet hat. Früher hiess das „Tue Gutes und rede drüber“, heute wird sogar der Redner dafür eingespart, auch das ist also durch ein simples Armband automatisiert worden: na dann Gute Nacht, Jobmarkt Deutschland!

+++Schal+++
Ich habe lange überlegt, ob ich als Anfangsgag den Kracher vom Sommer 84 bringe und schreibe, dass man sein Bier jetzt schal trinkt. Habe mich dann dagegen entschlossen, weil das viel zu platt ist und beginne den Beitrag ganz harmlos mit der Äusserung: man trägt wieder Schal. Ein Schal ist immer auch ein Statement, derzeit etwa „Wo bleibt der verfickte Sommer?“. Ausserdem zeigt der Schalträger von heute Traditionsbewusstsein, denn der Schal ist ein althergebrachtes, würdereiches Kleidungsstück, wie auch das Sprichwort „ihm sitzt der Schal im Nacken“ und die beliebte Sendung „Drei Engel für Schaly“ zeigen. Schalom!

Sascha Lobo


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