Koolumne „Lächeln erlaubt“
Trendletter Nachtleben Berlin
Liebe Freunde der Nachtmusik,
die neusten Trends aus Mode, Nachtleben und Gesellschaft kommen heute zu Euch
als „Sonderedition blau“, denn ich habe alle Text komplett besoffen geschrieben.
Nicht, dass sich das von früheren Trendlettern so dramatisch unterschiede, aber
ich gebe es erstmalig zu: die Neue Offenheit (siehe unten).
+++ FlipFlops +++
Das Sommerparadoxon: wenn es heiss wird, besteht seit exakt sieben Jahren die
Schuhmode aus keinen Schuhen. Jedes Jahr bin ich aufs Neue begeistert von der
strumpflosen Existenz und versuche, darin laufen zu lernen – leider habe ich es
nie geschafft. Ich bin zu doof, in FlipFlops zu laufen, das ist die traurige
Wahrheit, ein Schicksal, das ich wahrscheinlich nur mit Reinhold Messner und
Bigfoot teile. Deshalb finde ich aus Rache FlipFlops blöd und sie sind out,
diese Schlurfgarantie mit Sohlen aus gewalzten Marshmellows, die man in der
Stadt eh nur trägt, bis man damit das erste Mal in Hundekacke getreten ist.
+++ Wählen +++
Da dieser Trendletter für überhaupt niemanden eine politische Instanz darstellt,
könnte ich gefahrlos zur Teilnahme an den eventuell anstehenden Neuwahlen
aufrufen und so Bonuspunkte in politischer political correctness sammeln. Tue
ich aber nicht, denn wen soll man wählen? Die teilzeitfaschistoide CDU mit
Atomkraftgarantie und Irakkrieg-Fanblock? Die Ein-Mann-Partei „Joschka“, also
eine grünlich angemalte FDP mit Umweltschutzbrille? Die abgesehen von
neoliberalem Gepose profilloseste Partei des Planeten mit einer verklemmten
Salonschwuchtel als Frontwurst? Die PDS-Sozialfaschisten, diese komische
alt-neue Linkspartei mit Lafontaine, der sich auch ein Hakenkreuz ins Gesicht
tätowieren würde, wenn es Wählerstimmen und damit wieder politische Macht für
ihn gäbe? Oder die SPD, die mit Politik im Blinde-Kuh-Verfahren bewirkt hat,
dass ich mehr Steuern zahle als Daimler-Chrysler in einem guten Jahr? Vielleicht
doch noch ein Aufruf, aus purer Verzweiflung: Geht wählen, aber erzählt um
Gottes Willen niemandem, was.
+++ „Kacke“ statt „Scheisse“ +++
Rein zufällig hinter dem politischen Kommentar steht folgende sprachliche
Trendbetrachtung. Subjektive Häufigkeits-Kriterien, die ich als Grundlage für
statistische Verallgemeinerungen missbrauche, zeigen eindeutig: „Scheisse“ ist
als Wort im Arsch, „Kacke“ ist mit Volldampf auf dem Vormarsch. Die phonetische
Umsetzung der deutschen Vorliebe für fäkalorientierte Schimpfworte verschiebt
sich also vom Zischlaut zum Klicklaut. Das ist ebenso interessant wie auch
irrelevant und sollte damit ein braunschimmerndes Sahnehäubchen dieses
Trendletters sein - hurra!
+++ Motivgürtel +++
Wenn man überhaupt keinen Mut hat, sich aber von anderen Menschen modisch
abheben will, ist die Motivgürtelschnalle ideal. Man kann jederzeit Hemd oder
Jacke über die Schnalle fallen lassen und die Besonderheit ist verschwunden. Man
kann im Bedarfsfall aber auch die Daumen in den Gürtel stecken, das Becken nach
vor strecken und die Schnalle samt Genitalbereich der Welt entgegenrecken. Auch
mit dem Motiv kann man kaum etwas falsch machen, da die Gürtelschnalle stets als
ironisches Kleidungsstück betrachtet werden kann: man muss also gar nicht
Sozialist sein, um eine Rotarmisten-Koppel zu tragen. Der Motivgürtel ist das
Henna-Tattoo unter den Mode-Accessoires.
+++ Neue Offenheit +++
Man sagt wieder die Wahrheit, man ist wieder ehrlich, man folgt wieder dem
Nichtlüge-Gebot, man schätzt wieder ein offenes Wort, man stellt wieder den Wert
des Wahren in den Vordergrund – das ist die Neue Offenheit! Türsteher weisen
Gäste mit den Worten „Ihr seht zu dämlich aus, sorry“ ab; Jungs lassen Mädchen
mit einem kurzen „Du bist mir zu fett“ abblitzen; Frauen erklären Männern auf
Parties, dass sie mit so platten, uncharmanten und aus Unsicherheit arroganten
Typen nur betrunken und in der allerhöchsten Not vögeln würden, sie mögen es
also eventuell in vier Stunden nochmal probieren, aber es sei unwahrscheinlich.
Das ist also die tolle Neue Offenheit und ehrlich gesagt sehe ich deren Ende
bereits wieder am Horizont aufblitzen, denn was soll dieses Direktheitsgetue
nützen? Tell me sweet little lies.
Sascha Lobo