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Sascha Lobo | Juli 05

Koolumne „Lächeln erlaubt“

Trendletter Nachtleben Berlin

Liebe Freunde der Nachtmusik,

die neusten Trends aus Mode, Nachtleben und Gesellschaft kommen heute zu Euch als „Sonderedition blau“, denn ich habe alle Text komplett besoffen geschrieben. Nicht, dass sich das von früheren Trendlettern so dramatisch unterschiede, aber ich gebe es erstmalig zu: die Neue Offenheit (siehe unten).

+++ FlipFlops +++
Das Sommerparadoxon: wenn es heiss wird, besteht seit exakt sieben Jahren die Schuhmode aus keinen Schuhen. Jedes Jahr bin ich aufs Neue begeistert von der strumpflosen Existenz und versuche, darin laufen zu lernen – leider habe ich es nie geschafft. Ich bin zu doof, in FlipFlops zu laufen, das ist die traurige Wahrheit, ein Schicksal, das ich wahrscheinlich nur mit Reinhold Messner und Bigfoot teile. Deshalb finde ich aus Rache FlipFlops blöd und sie sind out, diese Schlurfgarantie mit Sohlen aus gewalzten Marshmellows, die man in der Stadt eh nur trägt, bis man damit das erste Mal in Hundekacke getreten ist.

+++ Wählen +++
Da dieser Trendletter für überhaupt niemanden eine politische Instanz darstellt, könnte ich gefahrlos zur Teilnahme an den eventuell anstehenden Neuwahlen aufrufen und so Bonuspunkte in politischer political correctness sammeln. Tue ich aber nicht, denn wen soll man wählen? Die teilzeitfaschistoide CDU mit Atomkraftgarantie und Irakkrieg-Fanblock? Die Ein-Mann-Partei „Joschka“, also eine grünlich angemalte FDP mit Umweltschutzbrille? Die abgesehen von neoliberalem Gepose profilloseste Partei des Planeten mit einer verklemmten Salonschwuchtel als Frontwurst? Die PDS-Sozialfaschisten, diese komische alt-neue Linkspartei mit Lafontaine, der sich auch ein Hakenkreuz ins Gesicht tätowieren würde, wenn es Wählerstimmen und damit wieder politische Macht für ihn gäbe? Oder die SPD, die mit Politik im Blinde-Kuh-Verfahren bewirkt hat, dass ich mehr Steuern zahle als Daimler-Chrysler in einem guten Jahr? Vielleicht doch noch ein Aufruf, aus purer Verzweiflung: Geht wählen, aber erzählt um Gottes Willen niemandem, was.

+++ „Kacke“ statt „Scheisse“ +++
Rein zufällig hinter dem politischen Kommentar steht folgende sprachliche Trendbetrachtung. Subjektive Häufigkeits-Kriterien, die ich als Grundlage für statistische Verallgemeinerungen missbrauche, zeigen eindeutig: „Scheisse“ ist als Wort im Arsch, „Kacke“ ist mit Volldampf auf dem Vormarsch. Die phonetische Umsetzung der deutschen Vorliebe für fäkalorientierte Schimpfworte verschiebt sich also vom Zischlaut zum Klicklaut. Das ist ebenso interessant wie auch irrelevant und sollte damit ein braunschimmerndes Sahnehäubchen dieses Trendletters sein - hurra!

+++ Motivgürtel +++
Wenn man überhaupt keinen Mut hat, sich aber von anderen Menschen modisch abheben will, ist die Motivgürtelschnalle ideal. Man kann jederzeit Hemd oder Jacke über die Schnalle fallen lassen und die Besonderheit ist verschwunden. Man kann im Bedarfsfall aber auch die Daumen in den Gürtel stecken, das Becken nach vor strecken und die Schnalle samt Genitalbereich der Welt entgegenrecken. Auch mit dem Motiv kann man kaum etwas falsch machen, da die Gürtelschnalle stets als ironisches Kleidungsstück betrachtet werden kann: man muss also gar nicht Sozialist sein, um eine Rotarmisten-Koppel zu tragen. Der Motivgürtel ist das Henna-Tattoo unter den Mode-Accessoires.

+++ Neue Offenheit +++
Man sagt wieder die Wahrheit, man ist wieder ehrlich, man folgt wieder dem Nichtlüge-Gebot, man schätzt wieder ein offenes Wort, man stellt wieder den Wert des Wahren in den Vordergrund – das ist die Neue Offenheit! Türsteher weisen Gäste mit den Worten „Ihr seht zu dämlich aus, sorry“ ab; Jungs lassen Mädchen mit einem kurzen „Du bist mir zu fett“ abblitzen; Frauen erklären Männern auf Parties, dass sie mit so platten, uncharmanten und aus Unsicherheit arroganten Typen nur betrunken und in der allerhöchsten Not vögeln würden, sie mögen es also eventuell in vier Stunden nochmal probieren, aber es sei unwahrscheinlich. Das ist also die tolle Neue Offenheit und ehrlich gesagt sehe ich deren Ende bereits wieder am Horizont aufblitzen, denn was soll dieses Direktheitsgetue nützen? Tell me sweet little lies.

Sascha Lobo


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