Koolumne „Lächeln erlaubt“
Trendletter Nachtleben Berlin
Serie: Knigge für nachts
Vor gefühlten 4000 Jahren hat ein Herr namens Franz Friedrich Ludwig Freiherr
Knigge ein Buch geschrieben. Es hiess „Über den Umgang mit Menschen“. Es stehen
viele interessante Dinge drin, die man dringend wissen sollte, wenn man eine
Zeitmaschine erfindet und ins 18. Jahrhundert zurück reist. Ohne anmassend sein
zu wollen, möchte ich hier ein dringend nötiges Update geben, denn viele Punkte
haben sich nicht nur gesellschaftlich überholt („zwischen dem Hauptmahle und dem
Rauchen zieht sich der Herr im Ankleidezimmer um“), sondern sind von Knigge auch
schlicht für die Anwendung am Tag geschrieben worden und nicht für die Nacht.
Und schon gar nicht für Samstagnacht.
+++ Toilettengang +++
Der Toilettengang wird nicht, also zu keiner Zeit, mit anderen Worten nie
angekündigt, kommentiert oder als Gesprächsthema eingebracht und schon gar nicht
ironisierend oder augenzwinkernd. Alle launigen Sprüche, die mit Königstigern
oder Toilettenfrauvertretungen zu tun haben, sind streng verboten. Wird man
gefragt, wo man hingeht, so lächelt man sphinxesk, also entweder viel- oder
nichtssagend, und setzt seinen Weg unbeirrt und schweigend fort. Die
Getränkemitnahme auf die Toilette zählt zu den Tiefpunkten der westlichen
Partykultur, ausser man ist urophil. Die Einnahme von Substanzen innerhalb einer
Toilettenkabine sollte aus Zeitersparnisgründen und damit der Fairness zu
mehreren geschehen und gilt als asozial, wenn nur eine Kabine vorhanden ist.
Umgekehrt ist das Vorhandensein von nur einer Kabine auf den perfiden Plan des
Staates zurückzuführen, Zwietracht zwischen den Koksenden und den Kackenden zu
sähen – oft genug mit Erfolg. Nach dem Toilettengang wasche man sich die Hände,
wenn das subjektiv als notwendig erachtet wird. Der Fachbegriff für Menschen,
die sich nach der Klobenutzung nicht die Hände waschen, lautet „Männer“.
+++ Von sich selbst reden +++
Die Welt von heute birgt eine Unzahl von Gesprächsthemen. Von der zu Recht nicht
weltberühmten Schmetterlingsforschung auf Papua-Neuginea bishin zu den
schwerwiegenden Problemen, sonntags in New York Alkohol zu kaufen. Trotzdem
spricht eine grössere Gruppe von Menschen, die man auf Parties trifft, zuerst
und am liebsten von sich selbst. Jeder zweite Satz fängt mit „ich“ an, die Sätze
dazwischen mit „meine“. Wenn man sie darauf aufmerksam macht, fangen diese
Menschen an, einem zu erklären, warum sie gerade eben nur exemplarisch von sich
selbst geredet haben, streiten jede überhöhte Egozentrik ab und reden damit
schon wieder nur von sich. Solche Menschen bitte weiträumig umtanzen, bzw.
umfahren, wenn sie zufällig vor der Kühlerhaube herumposen.
+++ Beleidigen +++
Beleidigen ist eine ebenso wichtige wie notwendige Errungenschaft der
Alltagskultur, die gepflegt werden sollte. Beleidigungen dienen dem
Aggressionsabbau und der Stärkung der sozialen Bindungen zu den
Nichtbeleidigten. Ein einfacher Merksatz erleichtert den zielgerichteten,
wirksamkeitsmaximierten Einsatz der Beleidigung: Frauen beleidigt man am
gemeinsten mit Lügen (die vögelt doch mit jedem), Männer am besten mit der
Wahrheit (der vögelt doch mit keiner).
+++ Umgang mit Betrunkenen +++
Der Umgang mit Betrunkenen Personen gehört nachts zum Alltag. Betrunke sollten
zunächst in drei Gruppen unterschieden: Nervige, Hofnarren und Hilflose. Nervige
sollten ignoriert werden. Ist dies nicht möglich, sollten sie vermittels einer
Gruppe oder Hilfskräften wie Türstehern, Busfahrern, Hundebesitzern, berittenen
Polizisten nachhaltig am nerven gehindert werden. Nötigenfalls erlaubt ist dabei
der Einsatz von genausoviel Gewalt, wie der Betrunkene selbst einzusetzen
versucht. Hofnarren sind Betrunkene, die sich vor der Gruppe selbst zum Obst
machen. Sie sind Quell steten Spottes und kaum versiegender Schadenfreude, aber
auch des intensiven Fremdschames. Diese Features von lustig betrunkenen
Hofnarren sind wichtig für die Unterhaltung auf jeder Party und können kaum
wichtig genug eingeschätzt werden. Man sollte daher dem Hofnarren soviel
Neualkohol kostenlos zuführen, dass sein Pegel auf Entertainment-Niveau gehalten
wird. Besonders der Übergang zur dritten Gruppe muss dabei mit
Fingerspitzengefühl vermieden werden.
Über den Umgang mit betrunkenen Hilflosen gibt es übrigens schlechte,
hinterhältige, menschenverachtende, witzige Websites en masse. Davon distanziere
man sich aus Gründen der Menschlichkeit lautstark, um anschliessend einen Blick
darauf werfen, der selbstverständlich einem rein
existenzialistisch-soziologischen Interesse an der verlorenen Geworfenheit in
die Welt des angetrunkenen Menschen an sich entspringt. Live sollte man
Hilflosen helfen, wenn sie in einen gesundheitsgefährdenden Zustand geraten und
ihr Unterhaltungspotenzial voll ausgeschöpft worden ist. Von
Gesichtstätowierungen nehme man soweit möglich Abstand, vor allem bei Männern,
denen die Möglichkeit durch Verdeckung durch MakeUp nicht gegeben ist.
Sascha Lobo