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Sascha Lobo | September 05

Koolumne „Lächeln erlaubt“

Trendletter Nachtleben Berlin
Serie: Knigge für nachts

Vor gefühlten 4000 Jahren hat ein Herr namens Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge ein Buch geschrieben. Es hiess „Über den Umgang mit Menschen“. Es stehen viele interessante Dinge drin, die man dringend wissen sollte, wenn man eine Zeitmaschine erfindet und ins 18. Jahrhundert zurück reist. Ohne anmassend sein zu wollen, möchte ich hier ein dringend nötiges Update geben, denn viele Punkte haben sich nicht nur gesellschaftlich überholt („zwischen dem Hauptmahle und dem Rauchen zieht sich der Herr im Ankleidezimmer um“), sondern sind von Knigge auch schlicht für die Anwendung am Tag geschrieben worden und nicht für die Nacht. Und schon gar nicht für Samstagnacht.

+++ Toilettengang +++
Der Toilettengang wird nicht, also zu keiner Zeit, mit anderen Worten nie angekündigt, kommentiert oder als Gesprächsthema eingebracht und schon gar nicht ironisierend oder augenzwinkernd. Alle launigen Sprüche, die mit Königstigern oder Toilettenfrauvertretungen zu tun haben, sind streng verboten. Wird man gefragt, wo man hingeht, so lächelt man sphinxesk, also entweder viel- oder nichtssagend, und setzt seinen Weg unbeirrt und schweigend fort. Die Getränkemitnahme auf die Toilette zählt zu den Tiefpunkten der westlichen Partykultur, ausser man ist urophil. Die Einnahme von Substanzen innerhalb einer Toilettenkabine sollte aus Zeitersparnisgründen und damit der Fairness zu mehreren geschehen und gilt als asozial, wenn nur eine Kabine vorhanden ist. Umgekehrt ist das Vorhandensein von nur einer Kabine auf den perfiden Plan des Staates zurückzuführen, Zwietracht zwischen den Koksenden und den Kackenden zu sähen – oft genug mit Erfolg. Nach dem Toilettengang wasche man sich die Hände, wenn das subjektiv als notwendig erachtet wird. Der Fachbegriff für Menschen, die sich nach der Klobenutzung nicht die Hände waschen, lautet „Männer“.

+++ Von sich selbst reden +++
Die Welt von heute birgt eine Unzahl von Gesprächsthemen. Von der zu Recht nicht weltberühmten Schmetterlingsforschung auf Papua-Neuginea bishin zu den schwerwiegenden Problemen, sonntags in New York Alkohol zu kaufen. Trotzdem spricht eine grössere Gruppe von Menschen, die man auf Parties trifft, zuerst und am liebsten von sich selbst. Jeder zweite Satz fängt mit „ich“ an, die Sätze dazwischen mit „meine“. Wenn man sie darauf aufmerksam macht, fangen diese Menschen an, einem zu erklären, warum sie gerade eben nur exemplarisch von sich selbst geredet haben, streiten jede überhöhte Egozentrik ab und reden damit schon wieder nur von sich. Solche Menschen bitte weiträumig umtanzen, bzw. umfahren, wenn sie zufällig vor der Kühlerhaube herumposen.

+++ Beleidigen +++
Beleidigen ist eine ebenso wichtige wie notwendige Errungenschaft der Alltagskultur, die gepflegt werden sollte. Beleidigungen dienen dem Aggressionsabbau und der Stärkung der sozialen Bindungen zu den Nichtbeleidigten. Ein einfacher Merksatz erleichtert den zielgerichteten, wirksamkeitsmaximierten Einsatz der Beleidigung: Frauen beleidigt man am gemeinsten mit Lügen (die vögelt doch mit jedem), Männer am besten mit der Wahrheit (der vögelt doch mit keiner).

+++ Umgang mit Betrunkenen +++
Der Umgang mit Betrunkenen Personen gehört nachts zum Alltag. Betrunke sollten zunächst in drei Gruppen unterschieden: Nervige, Hofnarren und Hilflose. Nervige sollten ignoriert werden. Ist dies nicht möglich, sollten sie vermittels einer Gruppe oder Hilfskräften wie Türstehern, Busfahrern, Hundebesitzern, berittenen Polizisten nachhaltig am nerven gehindert werden. Nötigenfalls erlaubt ist dabei der Einsatz von genausoviel Gewalt, wie der Betrunkene selbst einzusetzen versucht. Hofnarren sind Betrunkene, die sich vor der Gruppe selbst zum Obst machen. Sie sind Quell steten Spottes und kaum versiegender Schadenfreude, aber auch des intensiven Fremdschames. Diese Features von lustig betrunkenen Hofnarren sind wichtig für die Unterhaltung auf jeder Party und können kaum wichtig genug eingeschätzt werden. Man sollte daher dem Hofnarren soviel Neualkohol kostenlos zuführen, dass sein Pegel auf Entertainment-Niveau gehalten wird. Besonders der Übergang zur dritten Gruppe muss dabei mit Fingerspitzengefühl vermieden werden.
Über den Umgang mit betrunkenen Hilflosen gibt es übrigens schlechte, hinterhältige, menschenverachtende, witzige Websites en masse. Davon distanziere man sich aus Gründen der Menschlichkeit lautstark, um anschliessend einen Blick darauf werfen, der selbstverständlich einem rein existenzialistisch-soziologischen Interesse an der verlorenen Geworfenheit in die Welt des angetrunkenen Menschen an sich entspringt. Live sollte man Hilflosen helfen, wenn sie in einen gesundheitsgefährdenden Zustand geraten und ihr Unterhaltungspotenzial voll ausgeschöpft worden ist. Von Gesichtstätowierungen nehme man soweit möglich Abstand, vor allem bei Männern, denen die Möglichkeit durch Verdeckung durch MakeUp nicht gegeben ist.

Sascha Lobo


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